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Sporthallen als Flüchtlingsunterkünfte

LSB fordert konkretes „Ausstiegsszenario“

Es gibt Routinetermine und solche mit Themen, die auf den Nägeln brennen. Das gilt auch in der Sportpolitik. Die Pressekonferenz des Berliner Landessportbundes am 5. April mit dem Titel „Der Sport und die Flüchtlinge“ zählte mit Sicherheit zur zweiten Kategorie. Davon zeugte das hochkarätige Aufgebot auf dem Podium: die Vertreter des organisierten Sports mit LSB-Präsident Klaus Böger, drei Landesverbandspräsidenten (Thomas Ludewig/Handball, Jürgen Häner/Hockey, Gerhard Janetzky/Leichtathletik), Volleyball-Vize Harald Fröhlich und Kaweh Niroomand, Sprecher der Berliner Profi-Klubs und BR Volleys-Manager, sowie Repräsentanten von Hauptstadt-Vereinen, die sowohl durch ihr Engagement für Sport als Integrationsmotor als auch durch Nutzung ihrer Sporthallen als Notunterkünfte für Flüchtlinge „eng am Thema“ sind.

 

Anlass war es, ein Zwischenresümee zur in der Überschrift genannten Problematik zu ziehen. Seit September 2015 sind 62 Turnhallen für die Unterbringung von Flüchtlingen requiriert worden, rund 100 Sportvereine sind von den Folgen betroffen. Die unmittelbaren Wirkungen sind Ausfälle von Sportangeboten, Kosten für Ersatzräume, weite Wege quer durch die Stadt, Transport- und Lagerkosten für Geräte, immenser Mehraufwand bis zur Belastungsgrenze für die Vereins-Ehrenamtler. Und letztlich auch Mitgliederaustritte, -abwanderung und -rückgang, Motivationsverlust. All das bekam man von den Verbands- und Vereinsvertretern auf der PK anhand mehr oder minder drastischer Beispiele zu hören. Dass der organisierte Sport deshalb keineswegs seine aktive Rolle in der Willkommenskultur für Flüchtlinge in Frage zu stellen gedenkt, aber auch.

 

„Sport ist der Motor der Integration, und gerade deshalb brauchen wir die Hallen, um diese gesellschaftspolitische Aufgabe wahrnehmen zu können“, erklärte LSB-Präsident Klaus Böger in seinen Eingangsbemerkungen, die fast so etwas wie Grundgesetz-Charakter hatten. Die Belegung des Horst-Korber-Sportzentrums mit der Harbig-Halle und weitere Hallen-Beschlagnahmungen, müssten Schritt für Schritt beendet werden. Nicht nur in verbalen Absichtserklärungen. „Wie anderswo bereits erfolgt, verlangen wir vom Senat ein koordiniertes und verbindliches Ausstiegsszenario“, sagte Böger und lieferte den Begriff des Tages, der das Problem in einem Wort zusammenfasste. „Wir erwarten und fordern, dass uns ein Szenario mit konkreten Terminen mitgeteilt wird.“

 

Von den anwesenden Verbandschefs und Funktionären der Sportbasis war zu hören, dass man den Senat dabei in der Bringpflicht sieht. Handball-Präsident Thomas Ludewig berichtete von 1500 verlegten Spielen, weggefallenen Trainingszeiten, umständlichen Stadtfahrten und nicht erfüllbaren, verstärkten Mitgliedswünschen nach dem jüngsten EM-Titel der Männer. „Nach mehreren Monaten ohne spürbare Reaktionen seitens der Politik ist es Zeit, ein Zeichen zu setzen.“ Ein Treffen im Abgeordnetenhaus vor zwei Monaten sei ohne Ergebnis geblieben, „es ist nichts passiert – das ist enttäuschend und nicht mehr hinnehmbar“.

 

Fast gleichlautend waren die Erfahrungen der Kollegen aus den anderen Verbänden. BR Volleys-Manager Kaweh Niroomand schilderte, wie nach langem Verständnis, enormem Aufwand und großem Engagement „irgendwann die Ungeduld hochkommt, wenn der Senat auf die schwierige Situation nicht reagiert“. Dessen Haltung nannte er „viel zu passiv“, das Argument, man müsse „einen gewissen Puffer“ bei Flüchtlingsunterkünften haben, „gefährlich“ und „für uns nicht fassbar“. Sein Resümee war kurz und bündig: „Wir wollen wissen, wie es weiter geht.“ Denn wenn man es so lasse, wie es derzeit laufe, „dann wird die nächste Saison noch genauso vonstatten gehen“.

 

Das befürchtet auch der Berliner Leichtathletik-Präsident Gerhard Janetzky mit Blick auf die Harbig-Halle, die mit ihren speziellen Möglichkeiten für Läufer – versenkbare Rundbahn, lange Sprintstrecke, spezielle Geräte – für die Vorbereitung auf Rio 2016 ausgefallen ist. Auch wenn bis Anfang August die Halle geräumt sein wird, ist keine kurzfristige Reaktivierung der früheren Bedingungen zu erwarten. „Die entstandenen Schäden müssen aufgenommen  werden, eine Ausschreibung über die Beseitigung erfolgen, die Reparaturen vorgenommen werden – das wird dauern und die Vorbereitungen auf die WM 2017 und die EM 2018 einschließen.“ Die Motivation der Nachwuchstalente aus der Hauptstadt werde damit beschädigt, ihr Weggang aus Berlin an Standorte mit besseren Trainingsbedingungen – in Hamburg oder Brandenburg zum Beispiel - befördert.

 

Auch von Hockey-Präsident Jürgen Häner bekam man ähnliche Stichworte zu hören: die Situation sei „frustrierend“ und „den Leuten nicht mehr zu erklären“, die sich fragten, „warum dauert das alles so lange?“. LSB-Präsident Klaus Böger nannte das mehrfache Verschieben von Termine und schon verkündeten Planungen „inakzeptabel“ und bezeichnete es angesichts der im September bevorstehenden Berliner Wahlen als beste Form der Stimmenwerbung, nicht auf Parteipolitik oder Personen zu schielen, sondern „aktiv zu handeln“. Mit den anderen Vertretern des Sports ist er sich in dieser Zielrichtung einig und formuliert: „Wir wollen verhindern, dass man noch ein paar Monate so weitermacht. Deshalb heißt es jetzt, in unserem Auftreten einen Gang höher zu schalten.“ Dass eine Initiative von zehn Vereinen und Verbänden zeitgleich Anfang April ein Volksbegehren startete, das ein gesetzliches Verbot der Beschlagnahme von Sporthallen erreichen will, sieht Böger zwar inhaltlich weitgehend in Übereinstimmung mit den Anliegen des LSB, aber wegen des langen Verfahrens als „nicht zielführend“. Dennoch könne es helfen, den Druck zu erhöhen.

 

Text: Klaus Weise

Foto: Jürgen Engler

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