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Sport vor Ort für Flüchtlinge

Michaela Wilczek (l.), Vorsitzende vom Reitclub Grunewald, zeigt LSB-Präsident Klaus Böger ihr Reittraining mit Flüchtlingen.

Große Resonanz auf LSB-Informationsfahrt zum Reitclub Grunewald, Ruder-Club Tegelort und Shaolin Kultur Verein

„Vor Ort bei Sportangeboten für Flüchtlinge“ war der Thema der jüngsten LSB-Informationsfahrt für Journalisten. Die Tour führte zu drei Stationen mit engagierten, hochmotivierten Vereinsvertretern und sportlich aktiven geflüchteten Jugendlichen. Mit dabei waren auch LSB-Präsident Klaus Böger, Vizepräsidentin Claudia Zinke, Direktor Heiner Brandi, Frank Kegler, stellvertretender LSB-Direktor und Ansprechpartner zum Thema „Sport und Flüchtlinge“, Britt Finkelmann, langjährige Leiterin des Programms „Integration durch Sport“, Sozialpädagogin Sosan Azad, Dozentin beim LSB-Seminar „Interkulturelle Kompetenz“, und Prof. Dr. Christian Trumpp, Rektor der Hochschule des Internationalen Bundes. Sie alle lieferten mit ihren Statements unterwegs zwischen den Stationen das Fundament für den „Kopf“. Vor Ort gab es durch die Vereinsvertreter, deren Engagement, Leidenschaft und emotionale Beziehung für die Sache Willkommenskultur zum Anfassen.

 

Nur drei Beispiele zum Thema wurden auf der Tour angefahren, dabei ist dies nur ein kleiner Ausschnitt. Denn inzwischen bieten 64 Berliner Sportvereine 74 Projekte für Flüchtlinge mit 26 unterschiedlichen Sportarten an. Hinzu kommt: Aus dem Bundesprogramm „Integration durch Sport" werden in diesem Jahr in Berlin 80 Vereinsprojekte in 54 Vereinen mit einem Gesamtvolumen von 140.000 Euro gefördert.

 

Natürlich ist Fußball mit fast 20 Angeboten dabei ein Platzhirsch, aber die Vielfalt ist groß – auch Boule, Yoga, Bogenschießen, Taekwondo, Tanz, Cricket, Rugby oder Tischtennis sind dabei. Und eben auch Reiten, Rudern oder Shaolin Kung Fu, wie die drei besuchten Beispiele beim Reitclub Grunewald, Ruder-Club Tegelort und Shaolin Kulturverein Pankow zeigten. Die Auskünfte, die die Medienvertreter dort erhielten, waren beredt – die Vereinsvertreter berichteten zum einen von den Schwierigkeiten der sehr speziellen Aufgabe bei vielen Formalien, von den Mühen des Alltags (Sprachbarrieren), den Traumata, mit denen viele der unbegleiteten Kinder und Jugendlichen nach Deutschland gekommen waren, den nachvollziehbaren Hemmnissen der „Refugees“, sich zu öffnen.

 

Aber sie berichteten auch von den Gefühlen, miterleben zu dürfen, wie sich für die Flüchtlinge für Momente, für eine Stunde, einen Tag oder im besten Falle über den Sport wiederkehrend so etwas wie „Glück“ herstellt. „Einen schönen Tag haben, die Seele mal baumeln lassen, das ist es, was wir den Flüchtlingen bei uns geben wollen“, sagt Cathrin Zänker, Jugendwartin beim RC Grunewald. Und Heide Meyer, seit 60 Jahren beim RC Tegelort und jetzt dessen Vorsitzende, erzählt so emotional von der quasi per Zufall entstandenen Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingsheim für unbegleitete Jugendliche, dass es gar keine zwei Meinungen dazu geben kann, ob das Sinn macht oder nicht. „Wir sind mit offenen Armen empfangen worden, und im Klub stimmten alle gemeinsam darin überein, dass wir mit offenem Herz und offenen Händen reagieren.“ Nicht ein einziges Mal habe es Probleme oder eine unangenehme Situation gegeben. Von anderen habe es Fragen gegeben: Geht das? Heide Meyer wirkt fast wie eine Missionarin, als sie sagt: „Die Freude in den Augen der jungen Menschen zu erleben, beantwortet alles.“ Zu den Jungs (Mädchen sind Ausnahme), die in den Ruderklub kommen, gehören viele Syrer, Afghanen – nicht unbedingt klassische Rudernationen. Sich im Boot im Wasser zu bewegen, bedeutet für sie, zunächst Lernen mit dem Sportgerät umzugehen. Deshalb dürfen sie auch totale Anfänger sein – einzige Voraussetzung ist, schwimmen zu können. Einer der ersten Nutzer des Angebots, der inzwischen 25-jährige Afghane Ayat Haidari, ist jetzt mit Bleiberecht in Berlin ansässig und vor kurzem Mitglied des RC Tegelort geworden, nachdem ein Sponsor die Kosten für die Mitgliedschaft übernommen hat. Quasi ein Modellfall für die Integration mittels Sport, die so „spielend“, oder eben auch reitend, rudernd oder kämpfend vollzogen wird.

 

Letzteres passiert in gewisser Weise beim Shaolin Kulturverein in Pankow, letzte Station der LSB-Journalistentour. Der erst seit 2012 bestehende und von Tanja Herrmann gegründete Verein bietet ein breites Spektrum an Kursen, in denen Kung Fu, Tai Chi oder Qi Gong praktiziert wird. Dazu gibt es viele weitere mit der Kultur der Shaolin-Mönche verbundene Aktivitäten, bei denen sich – so Tanja Herrmann - „alle heimisch fühlen (sollen), die sich für diese Kultur interessieren“. Alle meint auch „alle“, und so war für die mehrfache Shaolin Kung Fu-Weltmeisterin, der 2012 der buddhistische Name Shi Yan De verliehen wurde, die Kooperation mit dem  Flüchtlingsheim in Berlin-Buch selbstverständlich.

In diesem Jahr hat der Verein 40 Flüchtlingen (v.a. Frauen, Kinder, Jugendliche) die vom LSB geförderte Chance gegeben, kostenfrei Sport zu treiben. 35 haben es bisher wahrgenommen. Zwei, Jan (17) aus Afghanistan und der Syrer Mohammad (16) aus der Nähe von Aleppo, haben beim Training so überzeugt und waren sp begeistert, dass der Vorstand ihnen eine feste Mitgliedschaft im Verein ermöglicht hat. Sie wurden ins Showteam aufgenommen, das den Verein bei öffentlichen Aktivitäten und Auftritten repräsentiert. Tatjana Herrmann spürt nicht nur am Beispiel der beiden, dass das Engagement des Sports für die Flüchtlinge die Integration dieser in die Gesellschaft unmittelbar und direkt befördert.

 

Der LSB geht davon aus, dass 2016 ca. 5000 bis 6000 geflüchtete Menschen in Vereinsprojekten betreut werden. LSB-Präsident Klaus Böger sagt: „Wir sollten es ihnen und uns so leicht wie möglich machen. Der Sport ebnet den Flüchtlingen den Weg in unsere Gesellschaft.“ Vielfalt nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung und Gewinn für alle zu verstehen – diese Botschaft lohnte die Tour durch die Stadt.

 

Einen kurzen Film zur Tour gibt es in unserer Mediathek.

 

Text: Klaus Weise

Fotos: Jürgen Engler

 

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