Vereinsprojekt des Monats

Darf ich bitten....

Der tsc richtigrum berlin e.V. möchte tanzend klassische Denkweisen verändern

Man sieht sie förmlich vorbei schweben in ihren wunderschönen Tüllkleiderkunstwerken, auf denen die aufgenähten Strass-Steinchen blitzen. Blank gewienerte schwarze Schuhe gleiten beschwingt zwischen raffinierten High-Heels übers Parkett. Hugo Strasser und seine Band spielen einen Langsamen Walzer, und man träumt und träumt...

Hallo, aufwachen: Noch ist es nicht soweit, noch kein großer Auftritt. Jetzt wird erst einmal trainiert: Von dem schönen Traum bleiben der große Saal mit der Spiegelwand, die Musik und die sanfte Stimme von Cheftrainer Felix Schäfer: „Ja, dann tanzen wir uns mal ein.“

Das lassen sich die TänzerInnen vom tsc richtigrum berlin e.V., die sich an diesem Mittwochabend zum Training in der Wilhelmstraße in Kreuzberg in ihrem wunderschönen „Spiegelsaal“ mit der originellen Beleuchtung treffen, nicht zweimal sagen: Es darf geschwoft werden. Was heißt geschwoft?! Tanzen, so elegant und leicht es aussieht, ist Schwerstarbeit. Und vor den Erfolg und der Leichtigkeit hat der Tanzgott viele Trainingsstunden gesetzt.

Der Verein, den es erst seit 2014 gibt, bietet Breiten- und Turniersport an. Schwerpunkt liegt auf Standardtanz, aber auch „Lateinkurse“ werden angeboten. Die Mitgliederzahl steigt, und nicht nur aus Berlin kommen die Aktiven.

Cheftrainer Schäfer, der mit seiner Frau Nina selbst Turniertänzer ist, beobachtet schon beim Eintanzen ganz genau, was da aufs Parkett gezaubert wird. Er ist eigentlich vor allem für die Choreographie zuständig. Heute aber achtet er auch besonders auf Haltung, harmonischen Schrittwechsel usw., denn die Kollegin Jekaterina Perederejeva, die „strenge Technikmeisterin“, ist in Urlaub, aber doch allgegenwärtig mit ihrem Lieblingssatz „War schon gut – aber...“ Sportwart Henry Dölitzsch, selbst seit Jahren aktiver Turniertänzer, weiß wie schwer es ist, den Langsamen Walzer perfekt zu tanzen.

Noch schwerer wird das, wenn Mann jahrelang eine Partnerin hatte und dann plötzlich mit einem Partner tanzt. Denn beim tsc gibt es nicht nur „klassische Tanzsportangebote“ für gemischtgeschlechtliche Paare, sondern speziell auch Kurse für Equalitypaare. Aber auch Übungsstunden für alle gemeinsam. Und wer nun da tanzt – der Zuschauer verliert sich in harmonischen Bewegungen von Tanzpaaren.

Ob das nun zwei Männer, zwei Frauen oder Mann und Frau sind, spielt keine Rolle – zumindest in den Augen des Betrachters. Wohl aber für Tänzer, die etwa jahrelang mit Frauen getanzt haben. Klassisch gedacht heißt ja: Ein Tanzpaar besteht aus einem führenden Mann und einer folgenden Frau. „Ja, das ist dann am Anfang nicht unbedingt einfach, wenn zwei Männer oder Frauen miteinander tanzen“, sagt Rüdiger Andreeßen, der zusammen mit Henry Dölitzsch seit Jahren erfolgreich an Turnieren teilnimmt „Da haben sich schon manche auf der Tanzfläche in die Haare gekriegt“, sagt Dölitzsch schmunzelnd. „Aber wenn man es dann mal verinnerlicht hat, wer welchen Part übernimmt, dann läuft das auch.“ Und das beweisen die beiden, wenn sie elegant ihre Kreise ziehen.

Was für den tsc richtigrum das normalste der Welt ist, damit haben viele noch so ihre Schwierigkeiten. So gab es lange harte Kämpfe, bis der Deutsche Tanzsportverband die Equalitypaare akzeptierte. Manche Wertungsrichter haben heute noch Berührungsängste und weigern sich, bei gleichgeschlechtlichen Turnieren zu werten.

Wenn Frauen mit Frauen tanzen, wird das noch halbwegs akzeptiert, Mann mit Mann jedoch kaum – obwohl es viele Kulturen gibt, wo zusammen tanzende Männer ein Lebensgefühl ausdrücken. Equalitypaare werden aber immer noch nicht überall akzeptiert. Und nicht nur nur in Ländern, die gleichgeschlechtlich orientierte Menschen diskriminieren, fehlt es oft an Taktgefühl und Toleranz. Aber - und das beweist der tsc anschaulich: Tanzen macht Spaß und verbindet die unterschiedlichsten Menschen.

Mit seinem offenen Vereinskonzept und -projekt möchte der tsc richtigrum dazu beitragen, „klassische Denk-und Sichtweisen zu verändern.Wir möchten die allzu oft als Lippenbekenntnis benutzten Begriffe von gegenseitiger Toleranz und Akzeptanz vorleben und noch stärker im Tanzsport verwirklichen“, schreibt er über sich.

Dass dem Verein das gelingt, davon können sich auch Nichtmitglieder überzeugen. Darf ich bitten... zu diversen Veranstaltungen des Vereins, bei denen man mal selbst das Tanzbein schwingen kann. Oder nur zuguckt und sich dann begleitet von Hugo Strasser und seiner Band auf eine swingende „Sentimental Journey“ begibt, mit Erinnerungen an die eigene Tanzstunde, den zehentretenden Peter, das hässlichste Tanzstundenkleid, den Petticoat, den Rock'n'Roller und den Cha cha cha mit einem Latein-Weltmeister.

Kontakt: info@richtigrum.org