Vereinsprojekt des Monats

Auch abseilen kann Spaß machen

Beim Moabiter Kiezklettern des DAV sind alle mit Engagement und Spaß dabei

Hängen gelassen wird hier keiner: Abdull wollte etwas zu schnell die Wand hoch. Dann verließ ihn die Kraft, und nun baumelt er in der Luft. Aber – da sind ja Ramadan und Betreuer Lukas Kriegler, die ihn sichern und beim Abseilen helfen. Ein bisschen erschrocken hat sich der Neunjährige schon, aber nur kurz, dann will er wieder in die Wand.

Ramadan, ein 16-jähriger aus Serbien, ist seit Monaten im Kletterzentrum der Berliner Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) dabei. Und schon ein „erfahrener“ Kletterer. Er hatte das Glück, für das Moabiter Kiezklettern ausgewählt zu werden. Denn die Kinder werden von den Kooperationspartnern Moabiter Kinderhof, Zille Club und die Berliner Stadtmission geschickt.

Klettern ist mittlerweile eine Trendsportart, der DAV erlebt einen Mitgliederboom. Aber es ist immer noch die Sportart von Akademikern. Wie also kommt man auf die Idee, soziokulturell benachteiligte Kinder fürs Klettern zu begeistern zu? Ein Beweggrund: Weil helfen befriedigender ist als wegschauen. Aber der Reihe nach.

„Leider kann man nicht einfach so zum Klettern kommen, weil das aus versicherungstechnischen Gründen nicht geht. Man muss Mitglied sein“, erklärt Marc-Steffen Zwisele. Der Mathematikstudent und passionierte Kletterer entwickelte zusammen mit seinem Kollegen Vincent Kammer das Konzept für dieses Projekt. Warum?

„Es kamen immer wieder Kinder aus der Nachbarschaft, die klettern wollten. Wir wollten ihnen das ermöglichen, besonders auch denjenigen, deren Eltern sich eine Mitgliedschaft nicht leisten können“, erzählt Zwisele. Beide bastelten seit Herbst 2014 eine Weile an Konzept und Finanzierung. Und im Mai 2015 war es soweit: Das Quartiermanagement förderte das Projekt finanziell, und Kletterfreunde im Verein erklärten sich bereit, aktiv einzusteigen. Das Projekt wird angenommen. Mittlerweile sind auch Flüchtlingskinder dabei.

Die Betreuer, die alle engagiert ihre Freizeit für dieses Projekt opfern, haben nicht immer einen leichten Job. Dass man in einer Kletterhalle nicht herumrennen und toben kann, ist am Anfang für manche Kinder ein Problem. „Wir haben einen Raum, wo wir uns zur Aufwärmrunde treffen. Wir erklären Ablauf und Regeln, wie wir klettern, wozu man das Seil braucht und so weiter.“ Da die Kooperationspartner die Kinder auswählen, sind immer wieder neue dabei, und das Prozedere wird jeden Freitag, dem Klettertag, wiederholt. Und bevor es dann an die Wand geht, wird sich tüchtig aufgewärmt.

Das Projekt ist sehr betreuungsintensiv: Drei Kinder auf einen ehrenamtlichen Betreuer. „Wir haben eine Art Pool. Auf einem extra Internet-Dokument managen BetreuerInnen Zeit und Einsatz selbst“ sagt Zwisele. Aber Papierkram und Organisation gibt es noch zu Genüge. Deshalb hofft Zwisele, dass man eine bezahlte Teilzeitkraft findet,die sich etwa um Anträge, Kontakte zu Ämtern und Partnern kümmert. Bis Februar 2016 ist das Projekt finanziell gesichert, und die ambitionierten Macher sind hoffnungsvoll, dass es weitergehen wird.

In der Halle sind die Betreuer Lukas und Aurel mit den Kindern an eine andere Wand gewechselt. Da schaut man schon genau hin, bevor man „einsteigt“. Manche Kinder, die da erst große Töne spucken, stehen oft ziemlich kleinlaut vor der Wand, erzählen die Betreuer. Andere sind schwer beeindruckt und sehen mit großen Augen nach oben. „Die Kinder haben am Anfang schon Respekt, nehmen allen Mut zusammen, um da hoch zu klettern. Nur für wenige war das erste auch das letzte Mal“, berichtet Marc, der auch Jugendleiter ist und weiß, wie die Kids zu nehmen sind. Abseilen will sich hier keiner, ganz im Gegenteil.

Klettern ist anstrengend. Das ist am Anfang auch nicht jedem Kind bewusst, daher lernen sie nun schnell körperliche Grenzen kennen. Mit der Zeit nehmen sie aber auch die positiven Veränderungen ihres Körpers wahr: Gleichgewichtssinn und Motorik werden besser, die Kraft nimmt zu.

Gleich zu Anfang vermitteln die BetreuerInnen den Kindern, dass man sich bei einer Sportart wie Klettern aufeinander verlassen können muss. „Da gibt es schon manche kleine Machos, die ihre Grenzen austesten wollen, und denken, sie können machen, was sie wollen. Da muss man gleich gegensteuern“, erzählt Marc. Wenn sich jemand überhaupt nicht einfügen will, wird er nach Hause geschickt. Pausen draußen werden eingelegt, wenn es zu unruhig wird: Nach ausgelassenem Fangen spielen kommen alle wieder mit klarem Kopf zur Wand.

Die meisten Kinder erkennen schnell, was sie an den anderen haben, dass ihr reibungsloser Aufstieg von dem Mädchen oder Jungen abhängt, der oder die da unten steht und sie mit dem Seil sichert. Und dass man ihnen und den Betreuern vertrauen kann. Ramadan ist stolz, dass er eine Route geschafft hat, die nicht so leicht ist. So steigen Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl dieser Kinder, die plötzlich erleben, dass sie etwas gut können, was andere nicht hinkriegen.

Wer schon erfahrener ist, gibt gerne Tipps weiter. Am Anfang manchmal etwas schwierig, aber mit Händen und Füßen oder in einer anderen Sprache geht es dann doch – Kommunikation ist mittlerweile eine der leichtesten Übungen. Die Kinder betätigen sich gerne als Dolmetscher für andere, die noch nicht gut genug Deutsch können. Und übernehmen Verantwortung, wachsen an ihrer Aufgabe. Die „Seilschaften“ die sich im Kletterzentrum bilden, setzen manche auch in ihrer Freizeit fort. „Wir wollen, dass die Kinder sich nicht nur hier die zweieinhalb Stunden kennenlernen und etwas miteinander zu tun haben, sondern dass sich das auch im Alltag fortsetzt“, beschreibt Zwisele ein weiteres Projekt-Ziel: Teamgeist und Verständnis auch in die Nachbarschaft tragen und leben.

Im Verein selbst scheinen alle das Projekt mitzutragen. Und neue Ideen werden kreiert. So sind Kletter-Patenschaften von Mitgliedern für jeweils ein Kind oder einen Jugendlichen angedacht.

Inwieweit durch dieses Projekt Kinder und Jugendliche irgendwann Mitglieder im DAV werden, ist für die Projektgruppe erst einmal zweitrangig. Sie lassen sich auch nicht durch Frust entmutigen: Etwa wenn nur wenige Kinder kommen, weil da bei der Partnerorganisation etwas schief gelaufen ist. Die Freude der Kinder versöhnt. „Da wird man dann auch schon mal gedrückt vor lauter Glück“, sagt Zwisele - nach so einem anstrengenden Nachmittag auf den vielen Routen mit den bunten Steinen.

 

Info und Kontakt: kiezklettern@dav-berlin.de