Vereinsprojekt des Monats

Mutige Löwen mit Herz auf und an der Matte

Weddinger Ringerverein 09 bietet ausgezeichneten Sport und Heimatgefühl für Flüchtlinge

Gewusel auf der Matte: Was von außen chaotisch wirkt, hat System. Trainer Ahmed Jan Achmadi, einst selbst erfolgreicher Ringer und Olympiateilnehmer, gibt klare Anweisungen beim Aufwärmen. Mit seiner körperlichen Präsenz und seiner ruhigen Art wirkt er wie ein Fels in der Brandung: Die Matte, die auch schon bessere Zeiten  gesehen hat, quillt über: Etwa 50 Jungs zwischen 6 und 17 machen die angesagten Übungen und müssen aufpassen, dass sie dem Neben- oder Vordermann nicht in die Quere kommen. Die Erwachsenen spielen einstweilen Basketball, bis ihr Training anfängt – für die ungefähr 70 Aktiven, die heute da sind, ist es einfach zu eng.

Louise-Schröder-Halle, Mittwochabend, Training des Weddinger Ringervereins 09. Hört sich nach einem Routinetermin an, aber wer über die Türschwelle in die Halle kommt, merkt: Hier ist etwas anders – nicht nur die Renaissance des Ringens, die man hier erlebt, sondern auch das Miteinander, die Herzlichkeit, Heimatgefühl.

Aber zunächst wundert sich der Gast über die volle Halle, dabei ist Ringen doch eine Randsportart und hat sich gerade mühsam vor dem olympischen Rauswurf gerettet? Als vor sechs Jahren der Vorsitzende Sedat Dagdemir und sein Kollege Hikmet Karadag, beide selbst erfolgreiche Aktive, den Verein gründeten, hatten sie wohl so einen  Zulauf nicht erwartet. Mittlerweile gehören die Weddinger regional und national schon zu den Besten auf der Matte und sind sportlich weiter auf Erfolgskurs. „Wir haben hier einige Talente, und das eine oder andere könnte es bei richtiger Förderung auch in ein deutsches Olympiateam bringen“, sind sich die Trainer einig, darunter „Cheftrainer“ Ramazan Aydin, ehemals türkischer Ringer und so etwas wie ein Idol für die Jungen.

Warum nun aber ausgerechnet Ringen? Jungs wollen doch meistens Fußballprofi werden? „Die meisten Kinder und Jugendlichen kommen aus Ländern, wo Ringen eine Tradition hat und teilweise auch Nationalsport ist“, sagt Jugendwart Tolga Inaler, der nicht nur das sportliche Fortkommen des Vereins, sondern vor allem die Integration junger Menschen in die Gesellschaft als wichtigste Ziele beschreibt. Und da ist der Verein nicht nur besonders gefordert in einem sozialen Brennpunkt, sondern auch besonders vorbildlich. Die sportliche, soziale und pädagogische Arbeit hat sich  mittlerweile nicht nur im Kiez herumgesprochen. Neben Jugendlichen mit Migrationshintergrund kommen auch viele deutschstämmige. Besonders aber wächst die Zahl der Flüchtlinge im Verein.

Die sind nicht überall erwünscht, weil sie oft sehr schwierig sind. „Die Kinder und Jugendlichen kommen – oft traumatisiert – aus Kriegsgebieten. Sie haben keine Struktur mehr im Leben. Manche sind als Kind vor drei Jahren aufgebrochen und kommen hier als junger Mann an. Abgesehen von pubertären Entwicklungen, haben die so viel mitgemacht, dass sie sich erst mal sortieren müssen“, sagt Inaler, der als Erziehungswissenschaftler auch beruflich mit Flüchtlingen zu tun hat. Strukturen reinbringen, das sei sehr schwierig, erzählt er. „Am Anfang herrschte wirklich das Chaos, die sind gekommen, wann sie wollten, die haben gemacht, was sie wollten, da mussten wir erstmal Disziplin und Ordnung reinbringen.“ Im Verein lernen die Kinder und Jugendlichen, dass die Gemeinschaft nur funktioniert, zum Erfolg führt und vor allem Spaß macht, wenn sich alle an Regeln halten, respektvoll miteinander umgehen, füreinander da sind und einstehen. „Und das hilft auch im normalen Alltag weiter“, sagt Inaler, der vor jedem Training eine kleine Einführungsrede hält, auch Versäumnisse und Fehler anspricht. Denn man muss nicht nur bei der physischen, sondern auch bei der psychischen Stabilisierung helfen, vor allem, wenn  zwischendurch wieder einer in seinen Schlendrian verfällt. Oder wenn es mal zu handgreiflichen Auseinandersetzungen kommt. „Wir wollen die Jugendlichen sportlich, schulisch, beruflich vorbereiten, dass sie ihren Platz im Leben finden. Aber für alle ist das hier auch einfach mal ein Platz zum Abschalten, Durchatmen, Zeit, um  auf andere Gedanken zu kommen“, so Inaler. Er lässt sich zusammen mit seinen Kollegen durch nichts demotivieren. „Für uns ist das reine Herzenssache, was wir hier machen.“ Da nimmt er dann auch den Papierkrieg mit Behörden und Sportverbänden in Kauf, den Ärger um Hallenzeiten, die zu wenig oder zu spät für die Jüngsten sind, begleitet oder unterstützt Familien seiner Ringer beim Ausfüllen von Formularen, Ämtergängen oder Wohnungssuche.

Schwierig ist der Vereinsalltag auch, weil viele der Flüchtlinge einen ungeklärten Bleibestatus haben. „Wir haben Aktive mit großem Potenzial und viel Talent. Aber  wir können sportlich nicht mit ihnen planen. Manchmal sind die dann weg, und wir wissen nicht, was aus ihnen geworden ist“, erzählt der Jugendwart. Da sich die Weddinger Ringer nur über Mitgliedsbeiträge finanzieren, wirft auch das Probleme auf. Nur jeder fünfte zahlt regelmäßig seinen Monatsbeitrag von 10 Euro. „Das schränkt unsere Arbeit natürlich erheblich ein. Wir würden gerne mal mit den Kindern und Jugendlichen einen Ausflug machen, das können wir uns aber nicht leisten“, sagt der Vorsitzende, der wie die anderen auch nicht nur Zeit, sondern auch den einen oder anderen Euro zubuttert. „Ein Sponsor wäre toll“, hofft der Jugendwart, der weiß, dass er den vermutlich nur findet, wenn der Verein etwas besonders zu bieten hat. Öffentliche Aufmerksamkeit bekamen sie schon einmal: Als Mitwirkende an der Videoinstallation der Künstlerin Natalia Stachon. Nächstes Jahr wollen sie mit einer Aktion im Schillerpark Spaziergänger mal auf die Ringermatte bitten. Und ein neues „Kunstprojekt“  ist im Werden. Inaler hat einen Ballettmeister gefunden, der Tanzelemente mit der Ästhetik des Ringens verbinden will. Damit soll  dargestellt werden, dass alle miteinander verbunden sind, niemand ausgeschlossen ist.

Apropos ausgeschlossen: Auch wenn hier bisher nur von Jungen und Männern die Rede war, bald soll es auch ein Mädchen-Team geben. Trainerin Silvia und Sozialpädagogin Banu stehen schon bereit, auch ein Trainingsraum scheint schon gefunden. „Wir hatten viele Anfragen wegen eines Mädchenteams“, sagt Vorsitzender  Dagdemir. Ob es da aus religiösen oder kulturellen Gründen Vorbehalte geben könnte? „Wir werden das behutsam angehen“, versichert der Jugendwart.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Symbol im Emblem der Weddinger Ringer ein Löwe ist: Viele dieser jungen Menschen haben schon auf ihrem Weg in die Fremde Löwenmut bewiesen. Und nun im Alltag und auf der Matte kämpfen sie mit dem Herz eines Löwen – unterstützt von einem wirklich außergewöhnlichen Verein.

Infos:www.weddinger-ringerverein.de