Vereinsprojekt des Monats

Weltraumjogger mit Bodenhaftung

Zehlendorfer Triathlon-Verein überzeugt auch durch breitensportlich orientierte Kinder- und Jugendarbeit

„Der Weltraum der unendliche Weltraum. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffes Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neue Leben, neue Zivilisationen...“

Von Weltraumjoggern ist da aber nicht die Rede. Wo also sind die denn, wenn nicht im All? Man muss kein Astronaut werden, um sie zu finden, sondern sie nur auf ihren diversen Berliner Bodenstationen etwa an der Krummen Lanke oder im Grunewald besuchen. Dass sich hinter den Weltraumjoggern ein Triathlon-Verein verbirgt, da muss man erst mal drauf kommen. Der Vorsitzende des Raumschiffs „Captain“, Oliver Büttel, lacht. „Der Name war eher ein Scherz. Es gab so ein Computerspiel mit Männchen im All, das ein Kollege gern gespielt hat - und das war’s.“ Die Weltraumjogger aus Zehlendorf sind einmalig und überall in der Triathlonszene bekannt – der beste Beleg, dass die Namensgebung 1987 eine gute Idee war.

Und erfolgreich. In den 18 Jahren ihres Bestehens wuchs die Zahl der Weltraumjogger auf 200, und sie sind der mitgliederstärkste Triathlon-Verein Berlins. Alle zwei Jahren veranstalten sie den BerlinMan (der nächste ist 2016), zu dem mittlerweile von überallher Starter kommen. 1600 waren es das letzte Mal – Tendenz steigend. Die Startplätze sind in kürzester Zeit weg. Dasselbe gilt für den Volkstriathlon (5. Juli), wo diesmal nach zehn Stunden die Anmeldeliste geschlossen werden musste.

Auch der Nachwuchs drängelt sich bei den Weltraumjoggern. Das liegt aber nicht allein daran, dass „Les Trois“, also der Dreikampf Schwimmen, Radfahren, Laufen, der 1920 in Frankreich erfunden wurde, heute ein „In-Sport“ ist.  Oder dem Olympiasieg von Jan Frodeno aus Saarbrücken 2008 in Peking. Sondern eher an gesellschaftlichen Entwicklungen. Individualität und Narzissmus ziehen manchen zu diesem Sport. Viele suchen heute neue Herausforderungen oder auch Bestätigungen, wenn sie alles im Beruf erreicht haben. Oder frustriert sind. Austesten, an physische und psychische Grenzen gehen und sie überschreiten, sowie der Wunsch nach extremen Abenteuern sind weitere Beweggründe. Oder wie der 76-jährige Herr Reiner sagt, der jeden morgen aus dem Sakrower See steigt: „Ich besiege das Alter.“

Deshalb findet man beim Triathlon sehr viele Zeitgenossen, die auch hier ehrgeizig zeigen wollen, was sie auf dem Kasten haben, was für ein durch und durch gestählter Ironman oder-frau sie sind. Doch das ist nicht die Triathlonwelt der Weltraumjogger. Sie haben zu extremen, privat organisierten Hype-Events wie etwa den Ironman Hawaii Distanz.

Und das beweist der Verein, der so etwas wie ein Familienbetrieb mit Bodenhaftung ist, auch mit seiner Kinder- und Jugendabteilung. „Ganzheitliche Ausbildung“ ist die Devise. Jugendtrainer Christian Hoffmann achtet darauf, dass da nicht am Anfang schon zuviel Ehrgeiz oder Überforderung im Spiel sind. „Meistens sind es aber die Eltern, die ausgebremst werden müssen“, sagt Büttel, der aus eigener Erfahrung zugesteht, dass man manchmal seine Kinder vielleicht zu sehr anfeuert, vor allem auch, wenn man selbst Triathlet ist.

Ganzheitlich heißt außerdem: Bei den Weltraumjoggern ist nicht nur gutes körperliches Training angesagt. Problemfelder wie Doping, Nahrungsergänzungsmittel oder Essstörungen (Magersucht ist beim Triathlon ein Thema) werden offen angesprochen, gesunde Ernährung steht auf dem „Stundenplan“. Auch Teamgeist und Zusammengehörigkeitsgefühl werden gefördert. Nicht zuletzt durch viele gemeinsame Feste. Nicht nur Sieger werden gefeiert, „auch dem letzten wird Anerkennung und Respekt für seine Leistung gezeigt“, sagt Büttel. Für so eine  Sportart ist das eine gelungene Wertevermittlung.

Triathlon ist eine teuere Sportart. Deshalb sieht man es im Verein nicht gerne, wenn die Neuen gleich mit teueren Klamotten oder Rädern ankommen. „Die sollen erst mal mit ihrem normalen Rad fahren. Wir haben auch noch ein paar Vereinsräder, die wir zur Verfügung stellen können.“ Nicht zuletzt könnten teuere Anschaffungen am Ende überflüssig sein. Denn manche merken schnell, das Triathlon nicht ihr „Ding“ ist. „Wir wollen natürlich nicht, dass die dann aufhören und gar nichts mehr machen und so dem Sport verloren gehen“, sagt Büttel.

Deshalb kooperieren die Weltraumjogger mit Schwimm- und Radvereinen und der Eliteschule in Potsdam. „Wir haben manchmal Mädchen und Jungen, die in einer einzelnen Disziplin richtig gut sind, aber mit Triathlon nicht klar kommen. Da vermitteln wir dann weiter.“ Allerdings wünscht sich Büttel mehr Kooperation. „Da herrscht immer noch zuviel Konkurrenzdenken untereinander. Aber wir sollten ja die Kinder im Blick haben und nicht ungebremstes Wachstum.“ Mit den rund 50 Kindern und Jugendlichen sind die Weltraumjogger ohnehin mehr als ausgelastet.

Beschäftigt ist der Vorstand zunehmend auch mit Behörden. Solche Veranstaltungen kosten nicht nur Nerven, sondern sind immer organisatorische und logistische Meisterleistung der Ehrenamtlichen. Und dann kommen Querschüsse aus Ämtern. Beispiel: Eine Fußgängerbrücke auf der Laufstrecke darf nur noch von einer bestimmten Anzahl Personen gleichzeitig benutzt werden. Jetzt soll der Verein ein Gutachten zur Tragfähigkeit der Brücke beibringen, wenn er die Genehmigung haben möchte. Warum, so fragt sich nicht nur Büttel, ist da der Verein in der Pflicht? Will der Senat auf diese Weise billig erfahren, ob seine Brücken marode sind?

Das wäre im All dann doch einfacher: Da würde die Schwerelosigkeit die Weltraumjogger vor solchen Problemen bewahren.

info@weltraumjogger.deh