Vereinsprojekt des Monats

Kämpfe anders - das ist cool

Ein besonderes Projekt des Kampfsportvereins Sultans e.V. will Kindern und Jugendlichen einen gewaltfreien Weg zeigen

Von Bianka Schreiber-Rietig

Aus der Halle hört man die Kampfkommandos, im Foyer unterhalten sich Mütter, die ihre Kinder abholen, Väter, die gleich selbst den Dobok (Kampfanzug) anziehen werden, eilen Richtung Umkleidekabine. Es ist kurz vor 18 Uhr, und fast im Gänsemarsch kommen Jugendliche durch die Glastür, steuern zielsicher auf Faruk Demirtas zu, ihren Trainer. Mit Handschlag und leichter Kopfverbeugung begrüßen die Jungen und Mädchen den 26-Jährigen respektvoll, der gerade von der Nationenvielfalt seines Kampfsportvereins Sultan e.V. erzählt. Und – die gerade Ankommenden bestätigen die Globalität: Taiwan, Syrien, Libanon, Tschetschenien, Polen, Deutschland sind die Ursprungsländer der Taekwondoin (so heißen die Aktiven), die eben eintrudeln und gleich mit dem Training beginnen.


Die Welt ist bei Sultans e.V. zu Hause. Von allen Kontinenten kommen die Mitglieder. Der größte Kampfsportverein Berlins, der außer Taekwondo Karate und Judo anbietet, ist an vier Standorten in Charlottenburg, Moabit und Wedding mehr als nur ein Trainingsanbieter, manchmal eher ein Ersatz-Zuhause, das sich um die Befindlichkeit und Schwierigkeiten des einzelnen kümmert, sei es mit Eltern, Lehrern oder Gleichaltrigen. Besonders das Projekt „Kämpfe anders!?“ ist ein außergewöhnliches Angebot.


Nicht nur den Taekwondo-Sport, sondern auch die Philosophie dahinter und die daraus resultierende Haltung im täglichen Leben zu vermitteln, ist das Ziel der engagierten Trainer und Trainerinnen, die in Großmeister Resul Akdag ein Vorbild haben. Er ist gleichzeitig Gründer und Vorsitzender des Vereins.


„Manche Jugendliche, vor allem aus einem problematischen, gewalttätigen oder rassistischen Umfeld haben oft die Vorstellung, dass sie mit dem Erlernen einer Kampfsportart besonders „Angst“ auf Pausenhöfen, in Klassenzimmern oder auf Straßen verbreiten  könnten“ sagt Faruk Demirtas. Doch dieser Zahn wird den Möchtegern-Rambos schon in der ersten Trainingsstunde  gezogen. Nicht nur das Tae (Fußtechnik) und das Kwan (Handtechnik) wird den Jugendlichen vermittelt, sondern vor allem das Do – der Weg. „Man muss eine bestimmte Einstellung finden. Es ist eben nicht cool, andere anzupöbeln, zu beleidigen oder gar zu verprügeln“, sagt Demirtas. Das begreifen die meisten schnell, wenn sie zuhören und ihre Trainer beobachten: Schon deren Körperhaltung flößt Respekt ein – ohne einzuschüchtern. In dem Moment verstehen viele, was wirklich „cool“ ist.


Im Training lernen die Jungen und Mädchen Höflichkeit, Integrität, Geduld, Selbstdisziplin. Sie verpflichten sich, Grundsätze einzuhalten, Trainer und alle anderen zu achten und vor allem Taekwondo nicht zu missbrauchen – also wenn sie provoziert werden, nicht loszuprügeln. Was manchem sicher am Anfang nicht leicht fällt: Auf Provokation reagierten bis dahin viele mit Aggression.


Eng arbeitet der Verein mit der Gesundbrunnen-Grundschule im Wedding zusammen. Die Schulleiterin sei ein Glücksfall, ihrem Projekt gegenüber sehr aufgeschlossen, freut sich der zweite Vorsitzende Demirtas. Und die Erfolge des „Kämpfe anders!?“-Projekts sind  dort auch nicht zu übersehen, wenn die Schüler und Schülerinnen, die im Verein sind, etwa auf dem Schulhof höflich auf ihren Trainer zugehen, ihm die Hand schütteln, sich verbeugen – da wundert sich manche Lehrkraft. „Wie machen Sie das?“, wurde Faruk Demirtas von Lehrern gefragt, die nicht selten „Vorurteile“ haben, wenn sie hören, die ihnen ohnehin manchmal suspekten Schüler lernen jetzt auch noch eine Kampfsportart. Was, so arbeitet es da in ihrem Kopf, könnte das für böse Folgen für sie persönlich oder den Unterricht haben?.


Doch diese Ängste sind unbegründet, wie die Beispiele zeigen. Falls doch Zwischenfälle mit einem Taekwondoin vorkommen, werden die Trainer informiert – und thematisieren die Vorfälle in ihren Trainingsstunden.


Doch nicht nur in der Turnhalle, sondern ebenso bei gemeinsamen Unternehmungen sollen die  Kinder und Jugendlichen Teamgeist, Rücksichtnahme, gegenseitiges Verständnis etwa für das andere Geschlecht und andere Kulturen lernen. Apropos anderes Geschlecht: Viele Mädchen kommen zu Sultans e.V. (am Standort Charlottenburg stellen sie mit 65 Prozent sogar die Mehrheit). Sie haben mit den Trainerinnen gute Beispiele dafür, dass Mädchen und Frauen nicht nur ihren Weg, sondern auch Selbstbewusstsein und Selbstverständnis finden, wenn sie denn wollen. Gemeinsame sportliche Aktionen, Film- und Theaterbesuch sowie Feste bringen die Aktiven noch  näher zusammen.. Die Highlights des Jahres sind die schon fast legendäre Fahrradtour oder eine Reise an die Ostsee.


Und die Eltern? Auch die ziehen gut mit, auch wenn sich Demirtas noch mehr Engagierte wünschen würde. Es spricht sich herum, dass bei Sultans e.V. über den sportlichen Tellerrand geguckt wird, dass die Jugendlichen zum Nachdenken gebracht werden und sich positiv entwickeln, die für sich Ziele gefunden haben, die sie nun auch verfolgen- ob für Schule und Ausbildung oder im gesellschaftlichen Bereich.


Jeder kann dieses Projekt mit eigenen Schwächen und Neigungen verbinden. Die einen kämpfen direkt in ihrem Umfeld gegen Rassismus, Mobbing oder sexualisierte Gewalt, andere in größeren Dimensionen für Umwelt oder Freiheit, was übersetzt heißt: Sie engagieren sich mit Worten und Taten. Über 300 Mitglieder hat der Verein mittlerweile, und viele kommen, weil sie von diesem besonderen Angebot gehört haben. „Mund-zu-Mund-Propaganda“ erübrigt eigentlich Flyer oder andere Werbeaktionen wie das Vier-Jahreszeiten-Programm, bei dem etwa in der Fußgängerzone am Gesundbrunnen mit speziellen Tipps und mit Wasser an heißen Sommertagen für den Verein in persönlicher Ansprache geworben wird.


Warum das Projekt so gut angenommen wird, liegt wohl vor allem an der Glaubwürdigkeit der Macher, die durch „Vorleben“ überzeugen. Und dadurch, dass auch sie einen harten Weg gegangen sind. Wie etwa Jugendwart und Trainer Mohamad Karmid, liebevoll von allen Momo genannt. Der gebürtige Syrer kam als Flüchtling nach Deutschland, ging hier zur Schule und kämpfte sich durch alle Höhen und Tiefen eines Lebens in der Fremde. Und wer könnte Kinder und Jugendliche, die zwischen zwei Kulturen stehen oder eben in einem fremden Land gestrandet sind, sich in der Pubertät auch noch mit Ablehnung, Vorurteilen und anderen diversen Problemen herumschlagen müssen, besser verstehen als einer, der das selbst alles erlebt hat? So sind Momos eigene Erfahrungen maßgeblich in das „Kämpfe anders!?“-Programm mit eingeflossen.


Für eine Gruppe von Mädchen ist das Training zu Ende. Moment mal, eine Frage: „Was findet ihr an Taekwondo so toll? Wie wäre es mit Ballett oder Zumba oder...?“  Die Mädchen gucken etwas irritiert nach dem Motto: Noch so jemand, der meint, Kampfsport ist nur Männersache! „Sehen Sie mich an, ich bin ich, habe keine Angst – selbst vor Prüfungen in der Schule nicht.“ Wie sagte Konfuzius schon: „Der Edle verneigt sich, aber er beugt sich nicht.“ Also: Kämpfe anders!?


Kontakt faruk.demirtas@sultansev.de