Vereinsprojekt des Monats

Wie ein Baum Übungsleiterin wurde

Im Rollschuhparadies ist Vielfalt angesagt

Von Bianka Schreiber-Rietig

 
Die kleinen Füße in den bunten Socken gehen abwechselnd von vorne nach hinten, die Ärmchen werden wie zu einer Pirouette nach oben geschraubt. Die Mädchen und Jungen sind ganz konzentriert, führen die Ansagen ihrer Übungsleiterin schon ziemlich routiniert aus. Man möchte es kaum glauben, die  Sechs- und Siebenjährigen, die hier in der Lilli-Henoch-Halle in Schöneberg an diesem tristen Dienstagnachmittag zum Training gekommen sind, gehören zu den Einsteigern: Sie sind „Frischlinge“ des Vereins RollschuhParadies Berlin, aber gut dabei.

Bevor sie die Rollschuhe anziehen dürfen, sind Trockenübungen angesagt. „Die Koordination von Armen und Beinen ist nicht so einfach“, sagt Bilge Gökcar, die Sportwartin des Vereins. Und sie weiß, wovon sie spricht: Schließlich hat die erfolgreiche Taekwondo-Kampfsportlerin selbst erst vor zwei Jahren das Rollschuhlaufen gelernt.

Als Baum fing alles an. „Ja, bei einer Aufführung sollte ich als Baum mitmachen, weil jemand ausgefallen war. Auf dem Weg vom Geräteraum zu meinem Auftritt  bin ich mehrfach hingefallen. Da hat mich der Ehrgeiz gepackt“, erzählt sie. Sie wollte sich auch nicht vor ihren drei Rollschuh laufenden Kindern blamieren. Jetzt ist sie Übungsleiterin. Wer die 40-Jährige da elegant durch die Halle gleiten sieht, der mag die Geschichte kaum glauben.

„Ein Glücksgriff in jeder Hinsicht ist Bilge“, sagt Sabine Nawroth, ehemals Weltklasseläuferin und heute kommissarische Vorsitzende des Vereins, in den sie vor zehn Jahren vom OSC Berlin gewechselt ist, „um ihn zu unterstützen“. Und jetzt ist sie der Motor vor allem auch eines Projekts, das Kindern mit Migrationshintergrund und aus Hartz-IV-Familien ermöglichen soll, Rollschuhlaufen zu lernen.

Gelebte Integration und Inklusion. Wer sich da wie integriert – auf den ersten Blick ist das kaum auszumachen. Sabine Nawroth kennen im Hallenumfeld in der Pallasstraße viele: Mütter nicken ihr freundlich zu, Kinder sprechen sie auf der Straße an, der türkische Kaffeebesitzer begrüßt sie freundlich.

Das Training hat noch nicht begonnen, da stürmen Kinder auf sie zu. Ältere Mädchen, ehemalige und aktive Läuferinnen, die sie als Übungsleiterinnen unterstützen („Ohne die Mädchen ginge es nicht“, so Nawroth), haben Fragen. Deutsche und türkische Väter und Mütter machen es sich auf den Bänken an der Seite bequem - es ist ein Rein und Raus wie in einem Bienenstock. Dann vermisst wieder jemand seine Rollschuhe.

Endlich kann es losgehen – und aus dem kunterbunten Chaos ist geordnetes Training geworden. „Aber“, sagt Bilge Gökcar, „das ist nicht selbstverständlich. Wir haben lange gebraucht, um vor allem den türkischen Eltern klar zu machen, dass die Kinder pünktlich kommen müssen, dass man gemeinsam anfängt und aufhört. Und und und...“

Es ist eben für viele nicht selbstverständlich, dass die Rollschuhe einen festen Platz haben, dass sie weggeräumt werden müssen  – Selbstverständlichkeiten, die aber einen Trainingsbetrieb ziemlich schnell lahm legen können, wenn keiner darauf achtet.

Und da kommt Bilge wieder ins Spiel. Mit Geduld und in der jeweiligen Muttersprache hat die allein erziehende Mutter den Eltern erklärt, worauf es ankommt, damit ihre Kinder Spaß und Erfolg haben. „Es fruchtet, aber man muss dran bleiben“, sagt sie. Und es läuft gut. Eine Reihe Eltern bringen sich mittlerweile sehr in die Vereinsarbeit ein. „Sie unterstützen uns bei Festen mit Essen oder beim Nähen von Kostümen. Und türkische Eltern begleiten uns auch zu Wettkämpfen, wenn wir übernachten. Das ist auch nicht selbstverständlich.“ Gegenseitige Wertschätzung der jeweiligen Kultur, Rücksichtnahme auf  religiöse Tradition und respektvoller Umgang sind nicht leere Phrasen, sondern hier gelebter Alltag, was zu spüren ist.

Dass die Kinder hier im Kiez ausgerechnet Rollschuh laufen, kommt nicht von ungefähr. Der Verein hatte mit der angrenzenden Schule und der Kita Kontakt aufgenommen und geworben. Die Zusammenarbeit könnte aber noch besser sein. Hauptsächlich kommen Kinder aufgrund von Mund-zu-Mund-Propaganda: Es spricht sich schnell herum, dass sie gut betreut werden und ganz schnell lernen.

„Ihr dürft ruhig streng sein“, sagen türkische Mamas, deren Kinder manchmal zu aufgedreht sind, zu den Trainerinnen. Aber eine strenge Hand brauchen sie selten, die Jungen und Mädchen sind mit Feuereifer dabei. Allerdings, wenn die Jungs älter werden, wird es manchmal etwas schwierig. „Plötzlich wollen sie lieber Fußball spielen, weil sie Rollschuhlaufen dann eher als Mädchensport sehen.“

Grund auszusteigen sind auch manchmal mangelnde Schulleistungen. Deshalb ist Sabine Nawroth nun mit ihrem Vorstandskollegen Jörg Burkowitz bemüht, eine Hausaufgabenhilfe zu organisieren, was nicht so einfach ist. Sabine Nawroth wird zur Sozialarbeiterin. „Sportlich geht vieles nicht, wenn man das Umfeld außer acht lässt“, erklärt sie. Und ist dankbar für die große Unterstützung etwa durch das Quartiersmanagement.

Regelmäßige Elternversammlungen stehen auch auf dem „Trainingsplan“ des RollschuhParadieses. „Eltern erklären sich immer häufiger zur Mitarbeit bereit.“ Was für die Zukunft des Vereins wichtig ist: verantwortungsvolle Menschen für die Vorstandsarbeit besonders aus diesem Kreis zu finden.

Das macht sich auch in der Arbeit bemerkbar: Nicht nur bei Wettbewerben und Meisterschaften sind die „Paradiesler“ vorne mit dabei. Auch ihre Aufführungen, etwa an Weihnachten, haben schon eine große Fangemeinde. Wenn „Rotkäppchen und der Wolf“ (auf Wunsch der türkischen Kinder!) oder ein arabischer Tanz aufgeführt werden, Schneeflocken oder Schafe ihre Kringel um „Menschen-Bäume“ drehen, dann sind alle stolz auf ihr Paradies auf Rollen mitten im Kiez.

RollschuhParadies Berlin e.V; Lilli-Henoch-Halle, Pallasstraße 15, 10781 Berlin, Sabine Nawroth 030-805 826 44