Vereinsprojekt des Monats

Der Ball im Schmetterlingsnetz

Das Damenteam von Victoria Lacrosse und das schnelle Spiel der nordamerikanischen Ureinwohner

Von Bianka Schreiber-Rietig

Lacrosse? Die Gehirnzellen fangen an zu rattern. "Ist das nicht ein Modelabel?" Nein? "Nee, Schildkrötensuppe!" Nein, das ist beides Lacroix. Lacoste - das ist das Hemd mit Krokodil. Dann kommt vom hinteren Tisch in dem kleinen Bistro die Antwort: " Das ist so was ähnliches wie Eishockey, nur ohne Eis." Von zehn Menschen in der kleinen Umfrage wussten zwei, dass es sich um eine Sportart handelt.

Und Anna erzählt die Geschichte von ihrer Freundin, die Lacrosse spielt. "Letztes Jahr im Winter stand sie an der Bushaltestelle und hatte ihren Schläger dabei, wo vorne so ein kleines Netz dranhängt. Zwei ältere Damen fragten neugierig, wo sie denn Schmetterlinge um die Jahreszeit fangen wolle." Würden die Damen im Berliner Wedding wohnen, dann wäre ihnen das "Handgepäck" nicht fremd vorgekommen, denn dort sind öfter Spieler und Spielerinnen vom Verein Victoria Lacrosse, einer Abteilung des BSC Rehberge mit den eigenartigen Sportgeräten unterwegs.

Was ist denn Lacrosse überhaupt? Diese Sportart geht auf die Ureinwohner Nordamerikas zurück, die an der Ostküste und den Großen Seen in den Gebieten des heutigen Kanada und der USA lebten. Dieses Spiel, das mit einer Kugel und speziellen Schlägern ausgetragen wurde, sollte nicht nur auf Kriege vorbereiten, sondern auch kleinere Streitigkeiten schlichten. Manchmal waren dorfübergreifend bis zu 100 Spieler im Einsatz, die "sportlich" ihr Recht suchten.

Neben Eishockey ist Lacrosse der Nationalsport in Kanada. Er verlor aber zwischenzeitlich an Bedeutung. Nun ist der Sport wieder im Aufwind. 2007 spielten 47.000 Kanadier Lacrosse, heute sind es 250.000, und es wird weltweit schon in 45 Staaten betrieben.

Auch in Deutschland. Seit gut 20 Jahren wird hier der Hartgummiball geschlagen. Es gibt 60 Teams, die im Deutschen Lacrosse Verband (DLaxV) organisiert sind. Im Wedding gründete sich vor zehn Jahren die Victoria. Studenten, die den Sport bei einem Auslandsstudium kennengelernt hatten, wollten ihn auch in Deutschland nicht missen.

Aus der Handvoll "spielender Fans" sind mittlerweile 50 Mitglieder im Alter von 16 bis 45 Jahren geworden - und sie mischen auch in den Ligen mit. Die erste Herrenmannschaft ist in der 2. Bundesliga an der Spitze und kämpft um den Aufstieg, die Frauen spielen in der 1. Bundesliga Ost. Dabei sind die Damen erst grade mal seit 2011 dabei. Und das war gar nicht so einfach. "Dank einer Förderung des Landessportbundes Berlin 2013 war es uns möglich, noch Spielerinnen zu gewinnen und vor allem zu halten," freuen sich die Verantwortlichen. Denn: Der Verein konnte Ausrüstungen anschaffen, die kostenlos an die jungen Spielerinnen verliehen werden. Ohne Hilfe hätte sich das Frauenprojekt vielleicht nicht so schnell und erfolgreich umsetzen lassen.

Oder vielleicht doch? Denn bei den Lacrossern der Victoria zählt es nicht nur, eine Mannschaft zu sein, sondern man versteht sich auch als Freundeskreis. So beschreiben die Verantwortlichen ihre Vereinsphilosophie. Und über Freundschaften kamen auch Mitglieder. Durch die Männer ließen sich Ehefrauen, Freundinnen, Bekannte für das Spiel begeistern, das sich allerdings sowohl optisch wie auch nach den Regeln sehr unterscheidet, je nachdem, wer es spielt.

Bei den Frauen sind Tacklings und Körperkontakte verboten, deshalb brauchen sie nur wenig Schutzausrüstung. Bei den Männern ist es aber angebracht Helm, Mund-, Rippen- und Schulterschutz sowie Handschuhe zu tragen, denn da geht man ähnlich wie beim Eishockey zur Sache. Was jedoch Taktik, Schnelligkeit und Geschicklichkeit angeht, stehen sich beide Varianten in nichts nach. Übrigens gilt Lacrosse als die schnellste Ballsportart überhaupt.

Als Zuschauer ist man zu Beginn schon überfordert. Bis zu zehn Spieler können auf dem Rasen gleichzeitig herumtoben (in der Halle sind es sechs), aber für den Laien-Zuschauer erschweren vor allem auch die "fliegenden Wechsel" den Überblick.

Erklären kann man Lacrosse eigentlich schlecht, man muss es einfach sehen. Und das kann man auf dem neuen Kunstrasenplatz an der Lüderitzstraße. Dort wurde im Sommer ein Lacrosse-Spielfeld angelegt, das auch den Anforderungen für internationale Wettbewerbe genügt.

A propos international: Bei den Olympischen Spielen von 1904 in St.Louis und 1908 in London war Lacrosse olympische Disziplin. 1928, 1932 und 1948 Demonstrationssportart. Und so könnte Victoria bei möglichen Berliner Spielen vielleicht auch irgendwie auf olympischem Feld dabei sein.

Kontakt: BSC Rehberge, Abt. Lacrosse, Afrikanische Str. 45, 13351 Berlin

Email: bscrehberge@t-online.de

www.bsc-rehberge.com/lacrosse