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Volkstrauertag: Wider das Vergessen

Zum Gedenken an die Opfer des Terrors bei den Münchner Spielen von 1972

von Andreas Höfer

Es entspricht der menschlichen Natur, nicht allein im Hier und Jetzt zu leben. Man blickt nach vorne und zurück, auf das, was war und das, was kommt. Das mag gut sein oder schlecht – die Frage ist, wie gehen wir um mit Zukunft und Vergangenheit, mit dem Leben und dem Tod.

Bedingen sich, wie Yin und Yang, das eine und das andere gegenseitig, dann macht es Sinn, mindestens gelegentlich dem Zeitgeist zu trotzen, um so etwas wie Besinnlichkeit walten zu lassen. Eben dazu lädt, mehr als sonst, der November ein, wenn von Staats wegen oder im Namen der Kirche individuelles oder kollektives Gedenken zu Gebote steht.

Was dürfen wir hoffen?

Auch wenn wir dies bisweilen aus den Augen verlieren, ist es tatsächlich eine wichtige Prämisse unserer Kultur, sich jener Menschen zu erinnern, die in unserem je eigenen Leben oder in historischer Perspektive eine Rolle gespielt haben. Indem wir Verstorbenen – im engeren oder übertragenen Sinne – einen Ort oder Raum geben, erhält ihr Leben einen bleibenden Sinn, den wir uns, jenseits der vermeintlichen Bedeutung unserer alltäglichen Verrichtungen, vielleicht für uns selbst wünschen mögen. Dies wäre eine „irdische“ Antwort auf die Kant’sche Frage, „was darf ich hoffen“, die im Übrigen natürlich auch „über-irdisch“ beantwortet werden könnte.

Womöglich im Kontext solcher oder ähnlicher Erwägungen hat der Autor dieser Zeilen in einem vergangenen November nach zunächst perplexem Zögern einer Einladung des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur entsprochen, im Rahmen seiner Jahrestagung einen Vortrag zu halten. Im Blickpunkt der hochkarätigen Veranstaltung stand „der Tod in öffentlicher Wahrnehmung“ und neben vielen anderen Aspekten und Facetten des Themas sollte auch das Attentat auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen von 1972 in München zur Sprache kommen.

Damit war ein historisches Ereignis aufgerufen, das wie wenig andere dem gewählten Titel Rechnung trug, hatte sich doch das in Rede stehende Geschehen buchstäblich „vor aller Augen“ abgespielt. Von Fernsehkameras eingefangen, entstanden nachgerade ikonographische Bilder, die live und vielfach in Farbe, ansonsten schwarz-weiss, in alle Welt verbreitet wurden und sich alsbald tief ins kollektive Gedächtnis einbrannten.

Auch 45 Jahre danach zählt die Szenerie der dramatischen und quälenden Stunden von München zum Kanon von „Jahrhundert-Bildern“, die sich wie von selbst mit vielfachen Konnotationen, mit Gedanken und Gefühlen verbinden, wie prononciert und unterschiedlich sie auch sein mögen.

Man denke etwa an den maskierten Terroristen auf dem Balkon und seinen – bangen oder kalten - Blick nach unten, auf die Connollystraße, in der nichts mehr ist, wie die Tage zuvor. Oder an die zerzausten Haare von Walther Tröger und Hans-Dietrich Genscher, der eine Bürgermeister des Olympischen Dorfes, der andere Bundesminister des Innern, die – entschlossen oder verzweifelt – durch Verhandlungen im Gegenwind versuchen, das Unmögliche möglich zu machen. Oder an die Polizisten, geradezu dilettantisch mit Trainingsanzügen als Athleten getarnt, die auf dem Dach des Gebäudes nach erfolgversprechenden Schusspositionen suchen, während die potentiellen Zielpersonen im Apartment unter ihnen jede Bewegung der potentiellen Angreifer auf dem Bildschirm verfolgen.

The Games must go on!

Auch den ausgebrannten Hubschrauber auf dem Fliegerhorst von Fürstenfeldbruck hat man vor Augen, als Mahnmal eines Showdowns, der – vorhersehbar oder nicht – als Katastrophe endete. Oder den IOC-Präsidenten, den achtzigjährigen Avery Brundage, vor dem Mikrophon im vollbesetzten Olympiastadion, als er sich während der Trauerfeier die ebenso befreiende wie beklemmende und später viel zitierte Beschwörungsformel abringt: „The Games must go on!“

Wie gesagt: Die Bilder sprechen für sich und sie rufen Erinnerungen wach an ein Ereignis, an das bereits so oft erinnert worden ist. Und zwar auf diese oder jene Weise. Zum Beispiel mit Kevin Macdonalds, im Jahr 2000 mit dem Oscar geadelten Dokumentarfilm „One Day in September“. Oder Steven Spielbergs, fünffach Oscar-nominierten  Hollywood-Thriller „Munich“ von 2005. Oder Ulrike Draesners im gleichen Jahr erschienener Roman „Spiele“, der virtuos Fäden zwischen Fiktion und grausiger Realität spinnt. Oder die 2012 in deutscher Übersetzung vorgelegte, großartige Studie zu „München 1972“ aus der Feder von Kay Schiller und Christopher Young - um nur vier herausragende Beispiele für eine breite Rezeption durch Film, Fernsehen, Literatur und Wissenschaft anzuführen.

Im Blick auf eine Fülle weiterer Veröffentlichungen und Veranstaltungen zum Thema, mag die Frage aufgeworfen sein, ob dem Gebot der Aufarbeitung nicht inzwischen hinreichend Genüge getan ist. Welche neuen Erkenntnisse wollen zu Tage gefördert, welche neuen Bewertungen gewonnen werden? Sicher, manche relevante und vielleicht brisante Quelle ist bis heute unter Verschluss. Mancher Zeitzeuge behält sein Wissen noch immer für sich oder hat es mit ins Grab genommen. Und natürlich kennt der Drang des Forschers keine Grenzen.

Doch wie auch immer. Die zentralen Fakten sind seit langem bekannt. Und was allemal feststeht: 17 Menschen sind ums Leben gekommen an jenem Tag, als sich die bis dahin wunderbar heiteren Spiele gleichsam über Nacht in ihr Gegenteil verkehrten.

Im Morgengrauen

Im Morgengrauen des 5. September, es war ein Freitag, haben arabische Terroristen, acht an der Zahl, ohne größere Mühe den das Olympische Dorf umgebenden Zaun überwunden, um sich, offenbar ortskundig, in die Connollystraße 31 zu begeben. Dort befindet sich das Quartier der israelischen Mannschaft, das Ziel der vermeintlich spätheimkehrenden Athleten, in deren Sporttaschen sich freilich keine klammen Trainingsklamotten, sondern Sturmgewehre befinden. Ihre perfide Mission ist es, möglichst viele Geiseln zu nehmen, um im Namen einer bis dahin erst vereinzelt in Erscheinung  getretenen Gruppierung namens „Schwarzer September“ ihre politischen Forderungen auf denkbar kompromisslose Weise öffentlichkeitswirksam zur Geltung zu bringen. So wollen sie die deutsche und die israelische Regierung zwingen, eine Reihe inhaftierter Gesinnungsgenossen, darunter die RAF-Terroristen Ulrike Meinhof und Andreas Bader, freizulassen. Opfer werden nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern ganz bewusst als Mittel psychologischer Kriegsführung in Szene gesetzt.

Was den Verbrechern in die Karten spielt: Nicht im Geringsten auf einen solch skrupellosen Angriff auf die Integrität der Olympischen Spiele vorbereitet, sind die Sicherheitskräfte vor Ort meist unbewaffnet, in Zivil gekleidet und auf Zurückhaltung getrimmt. Schließlich soll jede Assoziation zu jenem Polizeistaat vermieden werden, der die Spiele von 1936 beherbergt und als Täuschungsmanöver zur Verschleierung seiner menschenverachtenden Intentionen inszeniert hatte.

Die Idee des Friedens

Genau dies war eines der zentralen Anliegen Willi Daumes, des Machers und Spiritus Rectors der Spiele gewesen, dass München ein weltweit leuchtendes Zeichen setzten sollte im Namen eines anderen, modernen, weltoffenen und wirklich friedliebenden Deutschlands, das die Lektion aus Nazizeit und Weltkrieg gelernt hatte. Kurz vor Eröffnung der Spiele hatte er seine Vision noch einmal in seiner Haus-Zeitschrift „Olympisches Feuer“ auf den Punkt gebracht:

„Das Wort vom Treffen der Jugend der Welt mag ein abgegriffenes Schlagwort sein. Dass es im Geiste der Brüderlichkeit stattfinden möge, das wünschen aber doch alle Menschen, die guten Willens sind. (…) Ich glaube, diese Idee des Friedens wird mehr und mehr die beherrschende der Olympischen Spiele werden. (…) In München werden Amerikaner gegen Vietnamesen spielen, Nordkoreaner gegen Südkoreaner, Ost gegen West, Inder gegen Pakistani, Weißafrika gegen Schwarzafrika, Israeli gegen Araber, sie werden alle zusammen wohnen und werden in Freundschaft gegeneinander kämpfen.“

Nun war auch Daumes Traum wie eine Seifenblase geplatzt und zum Alptraum geworden und die große Idee seines geistigen Ziehvaters Pierre de Coubertin, der die von ihm erfundenen Spiele in den Dienst einer besseren und friedlichen Welt stellen wollte, nachhaltiger als je zuvor als frommer Wunsch entlarvt. Und was die Sache aus Sicht der Verantwortlichen noch schlimmer machte, als es ohnehin kaum mehr hätte sein können: Erstmals seit 1945 waren auf deutschem Boden explizit Menschen jüdischer Religion, als Vertreter Israels bei den Spielen Staatsgästen gleich, zu Schaden, ja ums Leben gekommen.

Das erste Opfer ist Ringer-Trainer Mosche Weinberg. Er wird, so später offiziell protokolliert, um 4:52 Uhr bei dem Versuch zu entkommen erschossen und dann blutüberströmt vor der Tür abgelegt. Etwa zwei Stunden später erliegt Gewichtheber Yossef Romano seinen schweren Schussverletzungen. Vergeblich hatte er versucht, sich den Eindringlingen entgegenzustellen. Neun ihrer Mannschaftskameraden, allesamt Männer, werden als Geiseln festgehalten: Die Gewichtheber David Mark Berger und Zeev Friedman, die Ringer Eliezer Halfin und Mark Slavin, die Trainer André Spitzer (Fechten), Amitzur Schapira (Leichtathletik) und Kehat Shorr (Schießen) sowie die Kampfrichter Yossef Gutfreund (Ringen) und Yakov Springer (Gewichtheben).

Dreimal, letztlich bis 17 Uhr, wird das Ultimatum der Terroristen verlängert, bevor um 15:38 Uhr – endlich – eine Unterbrechung der laufenden Wettbewerbe verfügt wird.

Bundeskanzler Willy Brandt und seine israelische Amtskollegin Golda Meir sind sich einig, sich der Erpressung nicht zu beugen. Hier greift die Staatsräson. Man will Nachahmer und Trittbrettfahrer nicht motivieren. Stattdessen sollen die Geiseln befreit, die Terroristen überwältigt werden. Wie dies funktionieren soll - man kann nur hoffen, doch Golda Meirs Angebot, Spezialisten des Mossad einfliegen zu lassen, lehnt Brandt ab. Auf eigenem Boden muss man selbst Herr der Lage bleiben oder werden. Jedenfalls muss man es versuchen.

Fürstenfeldbruck

Der Plan, vielleicht nur eine Idee ist es, zum Schein freies Geleit und die geforderte Maschine für einen Flug nach Kairo zuzusagen. Unter dieser Prämisse besteigen 17 Personen, acht Terroristen und neun Geiseln, um 22:06 Uhr einen Bus in der Tiefgarage unter der Connollystraße. An der Ausfahrt stehen zwei Helikopter des Bundesgrenzschutzes bereit. Um 22:18 Uhr heben sie ab, um kaum zehn Minuten später auf dem Militärflughafen von Fürstenfeldbruck zu landen. Dort erwartet sie eine Boeing 727 mit laufenden Triebwerken, doch alles andere als startbereit. Unter anderem fehlt das Benzin und es fehlt eine Crew – auch noch manch anderes fehlt in Fürstenfeldbruck, wie sich alsbald herausstellen wird.

Gut ausgebildete Präzisionsschützen zum Beispiel, Nachtsicht- und Funkgeräte, Helme und Schusswesten, um das Mindeste zu nennen. Auch fehlt eine auch nur halbwegs belastbare Strategie, es fehlt an Erfahrung und, vielleicht das Schlimmste von allem, es fehlt das Fortune. So stehen etwa die angeforderten gepanzerten Wagen im Stau, den eine Unzahl Schaulustiger auf dem Weg an den Ort des Geschehens verursacht hat. Es ist nicht zu fassen, wie profan sich bisweilen Geschichte im Geflecht von Ursache und Wirkung entscheidet.

Müsste es nicht pietätlos erscheinen, könnte man von Pleiten, Pech und Pannen sprechen. Der Versuch nämlich, die Geiseln lebend zu befreien, schlägt auf fatale Weise fehl. Nach einer wilden, fast zwei Stunden währenden Schießerei sind jedenfalls alle ums Leben gekommen, von den Terroristen erschossen oder durch deren Handgranaten getötet.

Tot ist auch der Münchner Polizeiobermeister Anton Fliegerbauer, den im Erdgeschoss des Kontrollturms eine verirrte Kugel erwischt hat. Mit knapper Not kommt der schwer verletzte Gunnar Ebel, Hauptmann beim Bundesgrenzschutz, einer der beiden Hubschrauberpiloten, mit dem Leben davon.

Auch fünf der acht Geiselnehmer leben nicht mehr. Die übrigen drei werden in Gewahrsam genommen. Vor Gericht kommen sie jedoch nicht. Als nämlich wenige Wochen später, Ende Oktober 1972, ein palästinensisches Kommando eine Lufthansa-Maschine entführt, widersetzt sich die Bundesregierung der neuerlichen Erpressung dieses Mal nicht und lässt die drei Inhaftierten als freie Männer ausfliegen. Gibt es einen Deal mit Israel? Fortan befinden sich die Delinquenten und ihre Hintermänner jedenfalls im Fokus des Mossad, der ihr Schicksal über kurz oder lang besiegeln wird.

So oft schon nacherzählt, ist und bleibt es eine unglaubliche Geschichte, die, wäre sie einem Drehbuch entsprungen, für Gänsehaut und wohlige Spannung hätte sorgen können. In der Faktizität historischer Realität weckt sie bis heute freilich ganz andere Gefühle. Es war ein tiefer Schock und eine Zäsur, ein einschneidendes Ereignis mit vielfältiger Langzeitwirkung – auch, aber beileibe nicht nur für den weiteren Verlauf der olympischen Geschichte oder im Blick auf die Entwicklung des Terrorismus zur globalen Bedrohung.

Für die Hinterbliebenen der Opfer hatte und hat besagter Tag im September naturgemäß ganz eigene Konnotationen. Für sie ist und bleibt ihr Verlust jenseits der Frage von Entschädigungen unersetzlich. Was ihnen neben ganz persönlichen Gefühlen bleibt, ist der Anspruch auf ein würdiges Gedenken. Und eben dafür treten sie seit langem, nicht selten streitbar ein.

So ist es ihr gutes Recht, enttäuscht zu sein, wenn das Internationale Olympische Komitee ihrem beharrlichen Drängen ebenso beharrlich widersteht, das Gedenken an die Toten von München als formalen Akt im Zeremoniell der olympischen Eröffnungsfeiern zu verankern. Man wolle nicht, so die Begründung, immer wieder aufs Neue Öl ins olympische Feuer gießen und einer weiteren Politisierung der Spiele Vorschub leisten.

Ein wichtiger Ort

Selbst wer sich diese Argumentation zu Eigen macht, dürfte die Errichtung eines – nach Fritz Koenigs im September 1995 aufgestellten „Klagebalkens“ weiteren – Denkmals am Ort des Geschehens kaum seriös als ungebührlich zu brandmarken sein. Allenfalls hätte man es als überfällig bezeichnen können. Schließlich hat es 45 Jahre und einen Tag gedauert, bis elf getötete israelische Sportler sowie ein ums Leben gekommener deutscher Polizist im Münchner Olympiapark ein repräsentatives Monument würdiger Erinnerung, einen, wie Bundespräsident Steinmeier in seiner Rede zur Eröffnung betonte, „wichtigen Ort für Israelis und Deutsche“ erhalten haben.

Verstehen wir die Vergangenheit als Verpflichtung für die Gegenwart und als Chance für die Zukunft, dann blicken wir in diesem November zurück und nach vorn und nehmen den Volkstrauertag zum Anlass, uns stellvertretend für die vielen Opfer von Verfolgung und Gewalt, die im Kontext des Sports ebenfalls explizit gewürdigt zu werden verdienen, dieses Mal in tiefem Respekt vor Mosche Weinberg, Yossef Romano, Zeev Friedman, David Mark Berger, Yakov Springer, Eliezer Halfin, Yossef Gutfreund, Kehat Shorr, Mark Slavin, André Spitzer und Amitzur Schapira sowie Anton Fliegerbauer zu verbeugen.

Es ist an uns, sie in Erinnerung zu behalten.

 

Foto: Picture Alliance