Die Zukunft des Sports ist weiblich

Die Überschrift zu diesem Beitrag mag zunächst verwundern. Denn gegenwärtig sind ca. 19 % der Männer und nur 15 % der Frauen mehrmals wöchentlich sportlich aktiv. Im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) sind annähernd 60 % der Mitglieder männlich. Was spricht angesichts dieser Werte dennoch für die Annahme, dass die Zukunft des Sports weiblich sein soll?

 

Dafür spricht u. a., dass in den zurückliegenden Jahren die Frauen im Sport erhebliche Steigerungsquoten erzielten. So waren z. B. bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 ca. 40 % der Teilnehmer weiblich. Das bedeutete gegenüber 1992 in Barcelona eine Steigerung um mehr als ein Viertel. Frauen werden jedoch voraussichtlich weniger im Spitzen- als vielmehr im Freizeitsport dominierend sein. Für diese Annahme gibt es einige gewichtige Argumente.

 

1          Zunehmendes Sportengagement

Im Jahr 1994 waren in den Sportfachverbänden 8.357.727 weibliche Mitglieder registriert, was einen Anteil von 35,7 % bei der Gesamtmitgliedschaft bedeutete. Im Jahr 2004 betrug der weibliche Anteil der Mitglieder schon 38,1 %. Wenn sich diese Entwicklung in einem vergleichbaren Tempo fortsetzt, dann werden in ca. 30 Jahren mehr Frauen als Männer im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) organisiert sein.

 

Zu vermuten ist jedoch, dass sich der Prozess der Angleichung bei den Mitgliederzahlen beschleunigen wird, was mit der demografischen Entwicklung zusammen hängt, wonach in Deutschland die Zahl älterer Menschen ständig zunimmt. Schon gegenwärtig gibt es mehr Menschen, die älter als 40 Jahre sind, denn Menschen unterhalb des 40. Lebensjahres. Mit zunehmendem Lebensalter ist in der männlichen Bevölkerung eine Abnahme regelmäßiger sportlicher Aktivitäten beobachtbar, wohingegen bei der weiblichen Bevölkerung der Anteil der regelmäßigen Sportaktiven mit steigendem Lebensalter zunimmt.

 

2          Höhere Bildungsabschlüsse

Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau und dem Umfang des sportlichen Engagements. Je höher das Bildungsniveau einer Person ist, umso höher ist in der Regel auch ihr Sportengagement. 1992 dominierten bei den Schulabbrechern noch die Mädchen gegenüber den Jungen im Verhältnis 52 % zu 48 %. Im Schuljahr 2002/03 lagen die Jungen bei den Schulabbrechern mit 64 % klar vor den Mädchen. Bei den Sitzenbleibern bildeten im Schuljahr 2002/03 die Jungen mit 60 % ebenfalls die Mehrheit. Bei den Abiturienten dominieren die Mädchen mit 57 % in Ostdeutschland und 52 % in Westdeutschland. Bei den Schulnoten der männlichen Gymnasiasten liegen die Jungen mit fast 0,4 Notenpunkten hinter den Mädchen zurück.

 

Die Daten zu den Bildungsabschlüssen legen die Vermutung nahe, dass in den kommenden Jahren der Umfang des Sportengagements bei den Mädchen und Frauen weiterhin steigen wird, wohingegen der Umfang des Sportengagements bei den Jungen und Männer eher stagnieren, vielleicht sogar leicht rückläufig sein könnte.

 

3          Zuwächse bei den von Frauen dominierten Sportfachverbänden

Im Deutschen Turner-Bund (DTB) sind von den über 5 Millionen Mitgliedern 3.5 Mio. Frauen. Der DTB erzielte seine hohen Zuwächse vor allem durch Angebote in den Themenfeldern Gesundheit, Fitness und Tanz. Ein anderer, von Frauen dominierter Sportfachverband mit großen Zuwachszahlen ist die Deutsche Reiterliche Vereinigung. Diese hat doppelt so viele weibliche wie männliche Mitglieder.

 

Von Männern dominierte Sportarten sind u. a. Amateurboxen (51.582 männliche, 9.735 weibliche Mitglieder), American Football (16.298 männliche, 6.116 weibliche Mitglieder), Basketball (146.928 männliche, 52.098 weibliche Mitglieder), Fußball (5.415.584 männliche, 857.220 weibliche Mitglieder), Judo (140.021 männliche, 60.281 weibliche Mitglieder), Ringen (59.245 männliche, 12.701 weibliche Mitglieder). Alle genannten Organisationen weisen in den zurückliegenden Jahren stagnierende oder rückläufige Aktivenzahlen aus.

 

4          Entwicklungsrichtungen

Im Bereich des Sports für Mädchen und Frauen zeichnen sich vier Entwicklungsrichtungen ab.

 

1. Zunahme sportaktiver Frauen in von Männern dominierten Sportarten

Es gibt heute so gut wie keine Sportart, die nicht auch von Frauen ausgeübt wird. Rein quantitativ betrachtet werden jedoch jene Frauen, die für sich die klassischen Männersportarten entdecken, in der Minderheit bleiben. Gründe dafür sind u. a. sich häufig hartnäckig haltende Vorurteile gegenüber sportaktiven Frauen in von Männern dominierten Sportarten, so dass Frauen immer wieder erhebliche Widerstände überwinden müssen.

 

2. Bedeutungsgewinn „geschlechtsneutraler“ Sportarten bzw. Sportformen

Hierbei handelt es sich um jene Sportarten bzw. Sportformen, in denen Frauen und Männer nahezu gleichermaßen vertreten sind. Zu diesen Sportarten gehören u. a. Wandern, Schwimmen, Ausdauerlaufen, Rad fahren, Inlineskating, Badminton, Tauchen. Beobachtet wird diese Entwicklungsrichtung vor allem bei Jugendlichen, wonach Befragungen im Rahmen von Jugendstudien ergaben, dass in der Mädchenwelt der Sport heute ebenso bedeutsam ist wie in der Jungenwelt.

 

3. Veränderung männerdominierter Sportarten in Richtung Fitness

Beispiele für diesen aktuellen Trend sind u. a. die Umwandlung von Karate und Boxen in SenFi und Tae-Bo oder des Radrennens in Spinning. Es bleibt abzuwarten, ob die Umwandlung weiterer Sportarten folgen wird. Für eine Ausweitung dieses aktuellen Trends spricht, dass die Veränderungen männerdominierter Sportarten bei den gewerblichen Sportanbietern eine sehr erfolgreiche Strategie ist, um Frauen als wachsende Zielgruppe ansprechen zu können.

 

4. Dominanz von Frauen in von Frauen dominierten Sportformen

Trotz des verstärkten Eindringens von Frauen in männerdominierte Sportarten oder der Veränderung traditioneller Sportarten in Richtung Fitness bevorzugen Frauen weiterhin mehrheitlich jene Sportformen, in denen sie auch in der Vergangenheit dominierend waren. Dazu gehören vor allem Formen aus den Themenfeldern Gesundheit (z. B. Rückenschulen, Herz-Kreislauf-Training, Training zur Gewichtsreduzierung), Wellness (z. B. autogenes Training, Qigong, Tai-Chi, Yoga) und Expressivität (z. B. Aerobic, Bauchtanz, Cheerleading). Die Sportvereine konnten in den zurückliegenden Jahren vor allem in Angeboten aus diesen Themenfeldern erhebliche Zuwächse erzielen, wohingegen in eher wettkampforientierten Angeboten, in denen Männer dominierend sind, Stagnation bzw. Mitgliederrückgänge zu beobachten waren.

 

5          Organisationsformen

Der Sport für Frauen scheint sich überall dort gut entfalten zu können, wo Wünsche der Frauen besondere Berücksichtigung finden.

 

Fitnessstudios

Mehr als 60% der Mitglieder in den Fitnessstudios sind Frauen, was u. a. mit der Gesundheits-, Fitness- und Wellnessorientierung vieler Studios bei gleichzeitiger Ausblendung aller Wettkampfangebote zusammenhängt. Die Zeitflexibilität, ästhetisch anspruchsvoll gestaltete Räume und eine Kinderbetreuung vor Ort sind weitere gewichtige Gründe, warum so viele Frauen die teilweise erheblichen Gebühren für die Fitnessstudios aufwenden.

 

Sportvereine

Bei den Sportvereinen ist zu beobachten, dass mit zunehmender Größe des Vereins, die Zahl der Frauen im Verein ansteigt. In großen (mehr als 1.500 Mitglieder) Turn- und Sportvereinen mit ihren vielfältigen Angeboten scheinen sich Frauen besser entfalten zu können als in den kleinen Vereinen (um 500 Mitglieder), in denen eher männerdominierte Sportarten ausgeübt werden.

 

Selbstorganisation

Während es bei den Ausdauersportformen, die in Selbstorganisation betrieben werden (Walking, Wandern, Rad fahren, Schwimmen, Joggen), eher zu einer Angleichung der prozentualen Verteilung zwischen den Geschlechtern gekommen ist, dominiert in vielen Sportformen, in denen eine Rückgewinnung urbaner Räume stattgefunden hat (z. B. Skateboarding, Streetball oder Breakdance) das männliche Geschlecht, weil dort Jungen über ihren Körper und über Bewegung Männlichkeit konstruieren und in Szene setzen können. Mädchen und Frauen scheinen die Selbstdarstellung durch Sport in öffentlichen Räumen eher zu meiden.

 

6          Fazit

Es wurden Belege angeführt, warum vielleicht in den kommenden Jahren die Zukunft des Sports weiblich ist, was zur Folge hätte, dass der Freizeitsport, wie er von Millionen Menschen täglich ausgeübt wird, zukünftig eine eher von Frauen dominierte Sportkultur sein könnte, wohingegen zu vermuten ist, dass der Wettkampfsport - auch unterstützt durch die Darstellung in den Medien - eher männerdominiert bleiben wird.

 

Weiterführende Informationen

Sportstättenbedarf für Frauen


Dr. Christian Wopp (59)

ist Professor für Sport und Gesellschaft an der Universität Osnabrück. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u. a. die Analyse und Gestaltung von Sportentwicklungen. In einem aktuellen Forschungsvorhaben führt er eine Sportentwicklungsplanung für Berlin durch.

Aktuelle Veröffentlichung: Handbuch zur Trendforschung im Sport. Meyer & Meyer Verlag Aachen 2006.


© Landessportbund Berlin, 2008
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