Bitte keine Mogelpackung !

Der Vereinssport kann von der Ganztagsschule vielfältig profitieren

von LSB-Präsident Klaus Böger

 

Der Sport in Berlin steht vor gewaltigen Herausforderungen: Die Auswirkungen des neuen Schulgesetzes treffen die Vereine vielleicht heftiger, als manchem lieb ist. Nach den großen Ferien werden Ganztagsschulen in den Bezirken in großem Umfang die Regel sein. Möglicherweise können Vereinsgruppen damit künftig erst später in die Turnhallen, auch wenn die Sportanlagen-Nutzungsvorschriften momentan noch eine Beendigung der Schulbelegung um 16 Uhr vorsehen.
Junge Sportler, die sich nach langem Schultag erst um diese Zeit auf den Heimweg machen, können ohnehin kaum kurz darauf schon beim Vereinstraining auflaufen. Dafür sind die Wege in Berlin zu lang. Nur die wenigsten üben ihren Sport gleich um die Ecke von Schule oder Wohnung aus. Die Sportausrüstung neben den Büchern den ganzen Tag mit sich herumzuschleppen, ist aber nicht jedermanns Sache. Was im Fall von Badehose oder Turnanzug noch angehen mag, scheidet spätestens bei Fechtkoffer, Baseball-Schläger oder Reiterdress aus. Ein Abstecher zu Hause lässt sich für junge Vereinsmitglieder wahrscheinlich kaum vermeiden, mit dem entsprechenden Zeitverlust. Die Hürden für das Sporttreiben im Verein werden also höher.
Lamentieren über veränderte Bedingungen ist sportlichem Geiste wenig gemäß. Die Vereine agieren inmitten eines gesellschaftlichen Gefüges, das verschiedensten Interessen und Gesichtspunkten zu folgen hat. Der Vereinssport wird die Ganztagsschule ohnehin nicht zu Fall bringen, er kann von ihr aber durchaus profitieren.
Der verlängerte Unterrichtsbetrieb ist nur durch Lehrer nicht abzusichern. Die Schulen werden Partner suchen müssen, mit denen sich zusätzliche Angebote organisieren lassen. Das können soziale Träger, Musik-, aber auch Sportvereine sein. Wenn Übungsleiter an Schulen überzeugende Arbeit leisten, entwickelt sich daraus ganz von selbst Nachfrage auch für das sonstige Vereinsangebot. Die Trainer müssen es eben verstehen, die Kinder und Jugendlichen im Schulbetrieb abzuholen.
Gut ausgebildete und pädagogisch versierte Übungsleiter sind das A und O. Nur Vereine, die sie in ausreichender Zahl auch schon am frühen Nachmittag aufbieten können, kommen für eine Schulkooperation in Betracht. Die Angebote sollen ja keine „Eintagsfliegen" sein. Zur Überprüfbarkeit der persönlichen Eignung wird für alle Trainer bald auch ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis Pflicht. Selbstverständlich müssen die Schulen im Gegenzug für angemessene Honorierung sorgen, dafür stehen ihnen im Regelfall auch Etatmittel zur Verfügung. Für eine Übungseinheit von 90 Minuten sind neuerdings Honorare um 27 Euro im Gespräch. Eine durchaus angemessene Bezahlung, denn die Zusatzangebote an der Gesamtschule dürfen keine Mogelpackung sein.
Aber auch die Grundlagen der Zusammenarbeit in der Schule müssen stimmen. Die Vereinbarung zwischen Senatsverwaltung und LSB aus den Jahren 1993 und 2004 bedürfen dringend der Aktualisierung. Es ist höchste Zeit, eine Aktualisierung des Rahmens für die gemeinsame Arbeit vorzunehmen.
Für das Programm „Schule und Sportverein" stellt die Bildungsverwaltung aus DKLB-Mitteln derzeit 440 000 Euro pro Jahr zur Verfügung. 2009 gefördert wurden hauptsächlich sogenannte „Bewegungsangebote" mit 730 Projekten. Von den beteiligten 200 Sportorganisationen waren 195 Vereine, Verbände engagieren sich nur zögerlich. Der Anteil der Vereine unter den außerschulischen Anbietern beträgt rund 40 Prozent, noch dominiert die Grundschule. Für die insgesamt betreuten rund 30 000 Schüler wurden 450 Übungsleiter eingesetzt. Der Vereinssport kann also für die Zusammenarbeit mit den Schulen auf solide Erfahrung verweisen. Der LSB wird demnächst die Übungsleiter für ihren Einsatz an Schulen speziell weiterbilden.
Leider kommen nicht alle Sportorganisationen in gleicher Weise für die Zusammenarbeit mit den Ganztagsschulen in Frage. Material- und betreuungsintensive Sportarten haben wahrscheinlich weniger gute Karten, ebenso solche, die spezieller Einrichtungen bedürfen. Die Standard-Sportstätten an Schulen sind Turnhalle, Großspielfeld und Leichtathletik-Anlage. Da scheiden bestimmte Sport­arten von vornherein aus. Die Ballspiele werden auf Dauer im Vorteil sein, sicher auch die größeren Vereine mit vielfältigem Angebot und bezahlter Verwaltung.
Doch selbst wenn der Jugendsport im Verein als Folge des verbesserten schulischen Angebots andere Formen annähme: Die Vereine sollten Partner von Kita und Schule sein, denn das frühe Einüben weckt die Freude am Sport und wird auf lange Sicht die Nachfrage nach guten Vereinsangeboten erhöhen. Damit profitieren die Vereine dann in jedem Fall irgendwann. Spätestens in ihren Erwachsenenabteilungen.

Leitartikel aus der LSB-Verbandszeitschrift „Sport in Berlin" 3-2020

 

  

 

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