Im August findet in Lüsse nahe der Hauptstadt die Segelflug-WM statt
Von KLAUS ENGELHARDT, Präsident des Luftfahrtverbandes Berlin
In Paul Linckes Operette „Frau Luna“ ist sie vor mehr als hundert Jahren in einem flotten Marsch gefeiert worden, der dann sozusagen zur inoffiziellen Hymne der Stadt wurde: die Berliner Luft. Im besagten Gassenhauer wird von deren „holdem Duft“ geschwärmt, „wo nur selten was verpufft, in dem Duft dieser Luft“. Zwar liegt das brandenburgische Lüsse im Fläming etwas weniger als eine Stunde von der Metropole entfernt, aber im mehrfachen Sinne dürfen wir das getrost noch zum Berliner Luftraum zählen. Denn der Flugsportclub Charlottenburg Berlin e.V. hat dort ein Segelflug-Leistungszentrum aufgebaut und das wunderbare Gelände mit herausragenden thermischen Bedingungen zu seiner neuen Heimat erkoren. Nach der EM 2000 und der DM 2005 und 2007 richtet der FCC Berlin für den veranstaltenden nationalen Verband, den Deutschen Aero Club, in den beiden ersten Augustwochen die 30. WM (2.-16.8.) im Segelfliegen aus.
Auf und rund um Europas größtem Segelflugplatz verspricht das ein echtes Highlight zu werden, das sich Sport-Feinschmecker nicht entgehen lassen sollten. Auch, wenn in der zweiten WM-Woche die Aufmerksamkeit mit den Olympischen Spielen in Peking zu teilen ist, lohnt es sich, die TV-müden Glieder auszuschütteln und ein Liveerlebnis der besonderen Art in schöner Natur zu genießen. Der Laie wird vermutlich fragen, was es denn eigentlich zu sehen gibt, wenn die Teilnehmer auf 700 oder 800 km langen Streckenflügen in der Luft unterwegs sind. Zuschauer vor Ort können quasi „zum Anfassen“ überall dabei sein: beim Briefing der Piloten, beim Startaufbau, bei den Abflügen, bei der Landung. Da liegen zwar ein paar Stunden dazwischen, aber die – das verspreche ich – vergehen im direkten Wortsinne wie im Fluge. Es gibt jede Menge zu entdecken und zu bestaunen, die Landschaft ist großartig und fürs leibliche Wohl ist natürlich ebenfalls gesorgt. Der Eintritt übrigens ist frei – welche Weltmeisterschaft kann das schon von sich sagen? Und am 10. August ist das alles kompakt bei einer Flugshow mit diversen Extras zu erleben.
Meine ausdrückliche Empfehlung, vor allem an die, die ansonsten nur Fußball und Handballspiele oder andere Stadien- und Hallenevents besuchen, lautet deshalb: Lüsse ist eine Reise wert! Sogar die Politiker haben das erkannt. Außenminister Frank Walter Steinmeier wird die WM eröffnen, Brandenburgs Ministerpräsident Mathias Platzeck am Schlusstag die Siegerehrung vornehmen. Zwischendurch wird es exzellenten Sport in den drei Konkurrenzen (15 m Klasse, 18 m Klasse, Offene Klasse) zu sehen geben – dafür kann ich garantieren, auch wenn ich keine Wetterversprechen abgeben kann. 134 Piloten aus 34 Ländern von Argentinien bis Ukraine und USA sind gemeldet. Darunter vier Titelverteidiger, da auch Frauen-Vorjahresweltmeisterin Kathrin Senne in die Luft gehen wird. Die deutschen Chancen sind am größten in der Offenen Klasse
(Spannweiten bis über 30m), wo Michael Sommer vor Jahresfrist der Beste war.
Die Ausgänge der auf jeden Fall hoch spannenden Wettbewerbe sind offen – sie hängen von einer Reihe objektiver und subjektiver Faktoren ab. Wer die am besten miteinander verbindet, der darf unter den Wolken schon mal vom Treppchen träumen. Die Veranstalter freuen sich auf ein tolles Championat, das den Riesenerfolg der EM 2000 noch einmal steigern soll. Damals ist die internationale Szene auf uns aufmerksam geworden. Platz, Thermik, Organisation – alles war so stimmig, dass es kaum etwas auszusetzen gab. Diese Werbung für unseren Sport, für Lüsse und den FCC Berlin hat Wirkung hinterlassen. So ist jetzt zum Beispiel die Lufthansa mit ihrem ersten Engagement im Segelflug Hauptsponsor der WM.
(Leitartikel in der Fußballwoche vom 30. Juni 2008)

